Erwin Günther

FREIE REPUBLIK SAUGEAIS

Im Osten Frankreichs nahe der Schweizer Grenze im Val du Saugeais, einem Hochtal des Doubs, etwa auf halbem Wege zwischen Pontarlier und Morteau liegt ein Gebiet, das sich „Freie Republik Saugeais", Republique libre du Saugeais oder auch einfach Republique du Saugeais, nennt. Hauptort ist Montbenoît, in dem auch das „Weiße Haus" der Präsidentin steht. Das Gebiet umfaßt insgesamt 12 Kommunen mit ca. 3.500 Einwohnern. Die Republik hat ehrenamtlich tätige Grenzwächter und Zollbeamte. Zum Betreten des Landes braucht man einen Passierschein, den man im Sitz des Präsidenten erhalten kann. Präsident ist gegenwärtig eine Frau, Madame Gabrielle Pourchet, 94 Jahre alt (1998).

Die Geschichte dieses „kuriosen" Gebietes geht auf das Jahr 1150 zurück. In jenem Jahr schenkte der Herr von Joux von der Ritterburg in Pontarlier einem Geistlichen aus Besançon dieses Land, der darauf Mönche aus dem heute schweizerischen Gebiet zur Besiedlung holte. Diese brachten Bewohner aus Graubünden und Savoyen mit, die das Land urbar machten. Die Mönche errichteten in der Folgezeit in Montbenoît eine Abtei, die heute noch das Prunkstück der kleinen „Republik" ist.

Ein paar Jahrhunderte blieb das Gebiet eine kleine Welt für sich; Durchreisende benötigten Passierscheine und mußten Wegzölle zahlen. Bis 1674 gehörte der Saugeais zur Freigrafschaft Burgund und damit zum Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation und stand unter der Herrschaft der Herren von Joux. 1674 wurde er mit der gesamten Franche Comté (Freigrafschaft Burgund) von Ludwig XIV. erobert und kam mit dem Frieden von Nimwegen 1678 endgültig an Frankreich. Bis 1773 wurde der Saugeais dann von Mönchen verwaltet, 1773 ging die Macht an die Priester über.

Die Präsidentin, Mme. Pourchet, erzählt: Im Jahre 1947 kam der Präfekt der Region in das Gebäude der Abtei von Montbenoît, das uns gehörte. Als der Präfekt angekommen war, fragte ihn mein Mann, ob er einen Passierschein hätte, der ihn berechtige, nach Saugeais zu kommen. Der Präfekt kannte dieses Saugeais nicht, ließ sich die Geschichte erzählen und sagte: „Monsieur Pourchet, ich ernenne Sie zum Präsidenten dieser Republik, denn zu jeder Republik gehört ein Präsident."

Monsieur Pourchet verstarb 1968, und Jahre später wurde seine Gattin, Mme. Gabrielle Pourchet, von den Einwohnern zur Präsidentin der Republik gewählt.

Die Bevölkerung lebt von der Milchwirtschaft (hier wird der bekannte französische Comté hergestellt), vom Tourismus und Wintersport. Die „Republik" hat Gesandte und einen Minister für Kommunikation und Öffentlichkeitsarbeit (Ministre de la communication et des relations publiques). Das Land hat ein Wappen, eine Flagge, eine Nationalhymne, eine Fernsehanstalt, Musik- und Gesangsvereine und an seinen Grenzen Schilder, die die Besucher im Saugeais willkommen heißen.

Das Wappen (Abb. 1) ist gespalten und trägt ein Schildhaupt. Vorn zeigt es in Blau eine silberne Tanne auf silbernem Berge, hinten in Grün einen silbernen Wellenbalken. Im roten Schildhaupt stehen ein goldener Abtstab und ein silberner stilisierter offener Helm nebeneinander. Die Teilungslinien und die Schildein-fassung sind gold. Der Abtstab symbolisiert die Macht der Kirche, der Helm die Gönnerschaft der einstigen Herren von Joux. Silberne Tanne und silberner Berg weisen auf die weiten Tannenwälder in den Bergen (Französischer Jura) hin. Blau symbolisiert den Himmel, der silberne Wellenbalken den Doubs, der das grüne Tal durchströmt. Das Wappen wurde 1972 eingeführt. Es ist auch in die Mauer der Abteikirche eingelassen.

Im gleichen Jahr nahm die Republik Saugeais auch eine eigene Flagge an. Sie ist dreifach vertikal gestreift in den Farben Schwarz, Rot, Gelb und trägt in der Mitte des roten Streifens das golden eingefaßte Wappen (Abb. 2). Die genauen Proportionen der Flagge sind nicht bekannt, vermutlich auch nicht exakt festgelegt. Vermutlich sind sie aber 2:3. Die Farben sind entlehnt den Stadtfarben von Besançon, der Departementshauptstadt von Doubs, zu dem der Saugeais heute gehört. Die Flagge weht u.a. in Montbenoît vor dem „Weißen Haus" der Präsidentin.

Der amtliche Passierschein in den Abmessungen 23x17 cm zeigt unten links als Siegel einen einfachen Rundstempel mit der Inschrift „MONTBENOIT Doubs" und der Umschrift „PRESIDENCE DE LA REPUBLIQUE . DU SAUGEAIS". Rechts unten ist ein Band in den „Nationalfarben" Schwarz-Rot-Gelb aufgelegt, gehalten durch ein Siegel mit den Initialen RS (Republique du Saugeais).

1987 gab die französische Post auf Betreiben der Präsidentin, Mme. Pourchet, endlich auch eine Briefmarke heraus mit den Aufschriften

REPUBLIQUE FRANCAISE

MONTBENOIT

LE SAUGEAIS:

Sie zeigt die Geschichte des Landes mit den Menschen, die es urbar machten, mit Teilen der Abtei und dem Wappen des Saugeais. Ihre Auflage betrug 60.000 Stück, vorzugsweise für Sammler, wovon eine dem Verfasser vorliegt.

Dieser Beitrag sollte ein kleiner Ausflug für Vexillologen in ein „kurioses" Gebiet der heutigen Zeit, mitten in Europa, sein.

Nachbemerkung: Der Beitrag wurde 1991 für das inzwischen eingestellte Flaggenforum geschrieben. Zwei weitere Schreiben der Präsidentin, Mme. Pourchet, vom Mai 1995 und Oktober 1996, letzterer mit erneuertem Passierschein, veranlaßten den Verfasser, im August 1998 die kleine Republik zu besuchen. Sieben Jahre waren seit den ersten Kontakten vergangen. Die Republik erscheint dem kritischen Besucher als „Auslaufmodell", das touristisch vermarktet wird. Mme. Pourchet leitet im hohen Alter von nunmehr 94 Jahren noch immer die Geschicke der kleinen Republik, eine Stellung auf Lebenszeit. Auf die Fragen nach den Danach erhält man von den Bewohnern nur Achselzucken. Aus Alters- und Gesundheitsgründen lebt die Präsidentin jetzt in Pontarlier, und auch der ehrenamtliche Grenzwächter und Zöllner versieht aus Altersgründen seinen Dienst nur noch auf Bestellung für Touristengruppen. Das Wappen ist vielfach zu sehen, die Flagge konnte der Verfasser leider nicht entdecken. Im Tourismusbüro wurde wiederholt beteuert, daß sie existiert, aber die Präsidentin ist nicht anwesend sei, und so schlummert sie im – zum Besuchszeitpunkt leider verschlossenen – Gemeindebüro von Montbenoît. Die Abtei ist noch heute der Anziehungspunkt. Im Tourismusbüro kann man Bildbände der Republik, Fotos der Präsidentin, das Wappen in unterschiedlichen Formaten und als Großplakette und Wimpel, Schallplatten mit der Hymne der Republik (Hymne „National" Sauget, Text von Ch. Joseph Bobiller, Musik von Th. Botrel) und andere Souvenirgegenstände erwerben. Nebenan gibt es Weine von Montbenoît, und in einem Büro der Abtei gibt es vorgedruckte Passierscheine. In den benachbarten, außerhalb liegenden französischen Städten werden Ansichtskarten mit dem Wappen der „Republik" verkauft.

Quellen:

Persönliches Schreiben der Präsidentin der Republique du Saugeais, Mme. Gabrielle Pourchet, an den Verfasser vom 8.4.1991;

ZDF-Auslandsjournal vom 24.10.1990;

Rückert, Axel, Freie Republik Saugeais, Manuskript zur Sendung des ZDF-Auslandsjournals vom 24.10.1990;

Schreiben des ZDF, Chefredaktion Außenpolitik, an den Verfasser vom 16.11.1990;

Historique du Pays Saugeais, Broschüre o.O., etwa 1995;

La Republique du Saugeais et sa Presidente, herausgegeben von Martine Ehretsmann vom Office de Tourisme de Montbenoît mit Autorisation der Präsidentin, 1994;

Schreiben der Präsidentin, Mme. Pourchet, an den Verfasser vom 28.2.1995 und 24.10.1996.

 



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